Mythos Langemarck - Frankfurter Rundschau, 11. Nov. 2004
Aus Geschichtspfad.de
Mythos Langemarck
Vor neunzig Jahren begann ein folgenreicher deutscher Totenkult
VON ULRIKE BRUNOTTE
Wer sich heute auf den Weg macht, um das jüngst umgebaute Berliner Olympiastadion zu besichtigen, der wird nicht unbedingt wissen, dass sich im Mittelgeschoss der Maifeldtribüne ein besonderes Zeugnis deutscher Memorialkultur befindet. Bittet man den Pförtner, den Raum zu öffnen, dann betritt der Besucher die so genannte "Langemarckhalle". Sie erinnert an eine der frühesten Schlachten des Ersten Weltkriegs, während der erstmals auch Reservekorps in das gegnerische Sperrfeuer geworfen wurden. Als diese ungenügend ausgebildeten und ausgerüsteten Soldaten am 10. November 1914 in der Nähe des Städtchens Ypern auf die kriegserfahrenen feindlichen Truppen prallten, wurden sie vernichtend geschlagen und das Schlachtfeld wurde zur Schädelstätte. Dennoch sollte der frühe Tod tausender Soldaten künftig zu einem triumphalen Sieg umgedeutet werden und als "Mythos von Langemarck" in die deutsche Geschichte eingehen.
In der zum ehemaligen Reichssportfeld gehörigen "Langemarckhalle" kann man sich allerdings weniger das Gemetzel der Schlacht als den Kult um die "Jugend von Langemarck" vergegenwärtigen. Die Gedenkhalle führt dabei auf eindringliche Weise den doppelten Jugendkult des Nationalsozialismus zusammen: den Körperkult sportlicher Ertüchtigung und den Opferkult soldatischen Mutes.
Die Vorsilbe "jung"
Elf Jahre nach ihrer Einweihung anlässlich der Olympischen Spiele von 1936 wurde die Halle von den Briten gesprengt, um dann in den sechziger Jahren detailgenau rekonstruiert zu werden: Die 12 Schilde mit den Namen der Divisionen und ihrer Truppenteile wurden wieder angebracht, von den einstmals brennenden Toten-Schalen flankiert. Die Schmalseiten der Halle tragen wieder die Verse von Walter Flex ("Ihr heiligen grauen Reihen/ Geht unter Wolken des Ruhms...") und Friedrich Hölderlin ("Lebe droben, o Vaterland/ Und zähle nicht die Toten..."), nun allerdings, um Missverständnisse zu vermeiden, mit den Lebensdaten der Dichter versehen. Wobei die Paarung Flex und Hölderlin, so obszön sie war, missverständlich geblieben ist. Einzig die 76 Fahnen der Regimenter, die 1936 die Säulen zierten, und der in der Mitte der Halle eingebaute Schrein mit Erde vom Friedhof in Langemarck, wurden nicht rekonstruiert.
Nur wenige militärische Meldungen haben solch eine geradezu mentalitätsgeschichtliche Bedeutung erlangt wie der Bericht der Obersten Heeresleitung vom 11. November 1914, in dem es hieß: "Westlich von Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange ‚Deutschland, Deutschland über alles' gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie." Die emphatische Meldung, die aus einer verheerenden Niederlage einen Sieg macht, wird künftig tausendfach zitiert und wiederholt werden, um den Mythos Langemarck zu bekräftigen.
Der Mythisierung wurde unter anderem durch schlichte kosmetische Mittel wie der manipulierten Namensgebung auf die Sprünge geholfen: Langemarck statt Ypern. Klingt Langemarck doch markiger, erinnert an Königsmark oder auch Bismarck. Ein weiteres Mittel zur Mythenbildung ist die ständige Beschwörung der "jungen Regimenter", die in der Legendenbildung bald mit "Studenten" und "Gymnasiasten" verknüpft wurden, obwohl nur etwa ein Drittel der eingesetzten Truppen aus akademischer Jugend bestand. Die Vorsilbe "jung" war bereits um 1900 zu einer magischen Formel geworden. Bis 1914 freilich sollte der "Mythos der Jugend" militarisiert werden, um sich schließlich nach 1918 zu einem Kampfbegriff zu wandeln. Wobei die Macht der "Jugend von Langemarck" vor allem von ihrem Gesang ausgehen sollte. Mit ihm wurde später die "Ewigkeit" eines "unschlagbaren Deutschland" verknüpft.
Allerdings ist "Deutschland, Deutschland über alles", das damals noch nicht Nationalhymne war, kein Marschlied und verlangt ein eher getragenes Tempo. Und nicht zuletzt: Konnte bei einem Angriff in den überfluteten Ebenen Flanderns überhaupt "gestürmt" und dazu noch "gesungen" werden? Doch können diese Einwände einem Mythos nichts anhaben, der unbedingt "singende Knaben" in den Tod schicken möchte: "Die Helden sangen, die Todesbrüller schwiegen./So heiliges Gebet sprach junges Volk. Der Siegatem wehte,/als singend die Knaben, zum Sturme schritten." So oder so ähnlich klangen unzählige "Langemarck-Chöre des jungen Deutschland", wie sie bereits in der Weimarer Republik vielerorts von Studentenverbänden aufgeführt wurden.
Die Langemarck-Legende wurde zuerst von eben den bürgerlichen Schichten getragen, deren Kriegsbegeisterung erfüllt war vom Kampfeswillen für die "überlegene Kultur" Deutschlands. Die wilhelminische Generation von 1914 war fasziniert vom kriegerischen Leben. Das wurde allerdings schon damals erst durch den Opfergedanken heroisiert. Nach 1918 entfaltete sich der Langemarck-Mythos und gab dem verlorenen Krieg nachträglichen Sinn. Zu einer Vision für die Zukunft sollte er im Laufe der Zeit noch werden. Die erste Langemarck-Feier wurde 1919 zwar noch von einem Reservistenverband eines an der "ersten Ypernschlacht" beteiligten Korps durchgeführt.
Gleichwohl entwickelte sich in Kreisen der Jugendbewegung und der Studentenschaft "Langemarck" schnell zum "Sinn- und Urbild jugendlicher Erhebung". In diesem Sinne hielt der konservativ-bündische Autor Rudolf G. Binding am 11. November 1924 bei der Enthüllung des Ehrendenkmals für die Gefallenen von Langemarck auf dem Heidelstein in der Rhön eine folgenreiche Rede: "Dieses Geschehen", so Binding vor den 2000 Versammelten der Bündischen Jugend, "gehört schon nicht mehr der Geschichte an, wo es einst dennoch erstarren und begraben sein würde, sondern der unaufhörlich zeugenden, unaufhörlich lebendigen Gewalt des Mythos."
Während der Weimarer Republik wurde "Langemarck" jährlich von nationalistischen und rechtskonservativen Studenten- und Heereskreisen mit großem inszenatorischem Aufwand zelebriert. Von besonderer Bedeutung waren die Gedenkfeiern von 1919, 1924, 1929 und 1932. Freilich standen nicht allein die Inhalte, sondern bereits die Daten der Erinnerung in Konkurrenz zu den offiziellen Gedenktagen der Weimarer Republik. Zuerst zum Tag der Republik, der am 9. November gefeiert wurde. Nicht zuletzt jedoch zu dem Feiertag des Waffenstillstands, den die siegreichen Alliierten ebenfalls am 11. November begingen. Die antirepublikanische Gedenkkultur um "Langemarck" war es vor allem, die von der NSDAP benutzt wurde, um Teile der akademischen Jugend für sich zu gewinnen.
Der Erinnerungskult politisierte sich endgültig, als man kurz vor dem Ende der Weimarer Republik den Soldatenfriedhof in Flandern auf Anregung der deutschen Studentenschaft in eine veritable Totenburg umgestaltete. Eine Totengedenkstätte, deren trutziger und düsterer Charakter den Schein einer "noch stehenden Front" erwecken sollte. Josef-Magnus Wehner, ein nationalsozialistischer Autor, hielt 1932 die Rede zur Einweihung des Friedhofs.
Die lebendigen Toten
Bei der feierlichen Übergabe des Schlüssels an die Studenten zeichnete er ein Bild, das den Kern des nationalsozialistischen Totenkultes vorwegnimmt: "Euer Leben wallt opfernd zu den Toten hinab, und das verwandelte Leben der schönen Helden quillt leuchtend herauf und vermählt sich mit dem euren." Der Gedanke, dass nichts lebendiger sei als die Toten des Ersten Weltkriegs und dass ihre Taten mit der allzeit zum Kampf bereiten neuen Jugend fortgesetzt werden müssten, dieser Gedanke ist dann ab 1933 allgemein geworden.
Die Nationalsozialisten entwickelten einen umfangreichen Langemarck-Kult. Ob es der sogar mit der Einrichtung eines "Langemarck-Studiums" arbeitenden NS-Propaganda letztlich gelang, den "Mythos von Langemarck" in den Köpfen der gesamten Bevölkerung zu verankern, ist unter Historikern bis heute umstritten. Unzweifelhaft aber ist: Der eher romantisch von heldenhaftem Opfermut erfüllte nationale Mythos der "Jugend von Langemarck" gehört ebenso in die Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs und seiner politischen Folgen wie die weitaus realistischer wirkenden Verdun-Legenden, die den "Neuen Menschen" als Kampfmaschine unterm Stahlhelm zeichneten.
Ulrike Brunotte, Kulturwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin, veröffentlichte zuletzt im Wagenbach Verlag die Studie "Zwischen Eros und Krieg. Männerbund und Ritual in der Moderne" (2004).

